Interviews mit Dresdner Wissenschaftlern über das Forschen in Dresden, geführt von Oliver Jungen

„Wir wollen die Elektronik revolutionieren"
 

Prof. Dr. Gerhard Fettweis

Herr Professor Fettweis, Sie kamen 1994 aus dem Silicon Valley, also dem Mekka der Nachrichtenelektronik, nach Dresden. War das damals ein Abenteuer in der Provinz? Und wurde aus dieser Affäre eine Liebesbeziehung?

Das ist relativ einfach zu beantworten. Ich bin vor 18 Jahren hergekommen, so lange habe ich noch nie in einer Stadt gelebt. Da kann man wohl schon sagen, dass es sich um eine Liebesbeziehung handelt. Ich mag diese Stadt und ihr Umfeld sehr gerne. Als ich hierher kam, da war es natürlich... Also im Rückblick muss ich schon sagen: Ich war völlig verrückt, aber es hat sich gelohnt.

War es wie bei den ersten Siedlern, die Amerika urbar machten? Nur in Gegenrichtung?

Das kann man sagen. Es ging darum, zu sehen, ob man in so einem Gewässer zurecht kommt. Wie verrückt dieses Gewässer war, habe ich dann erst erfahren, als ich hier war. Aber es ist ja meist so, dass die Aufgabe größer ist, als man dachte. Ich kam also an eine Uni, wo einem die Gebäude so vorkamen, als müssten sie abgerissen oder wenigstens generalsaniert werden. Da schlug einem dieser typische Geruch entgegen, der vom Formaldehyd kam, das aus den Spanpressplatten herauskroch.

Trafen hier auch zwei Wissenschaftskulturen aufeinander?

Es gab Kollegen, die internationale Publikationen in unserem Sinne nicht kannten. Es wurde zwar international publiziert, aber nur innerhalb Osteuropas. Mit der Zeit sind die beiden Räume zusammengewachsen, wobei der westliche Raum klar dominiert hat. Das muss man einfach feststellen. Die ostdeutschen Kollegen mussten sich an die West-Forscher angleichen. Dabei war einiges an Aufbauhilfe zu leisten. Ich war 32 Jahre alt und musste Vierzigjährigen helfen, Anträge zu schreiben.

Das müssen Sie doch immer noch. Sie gelten als Dresdens bester Antragsteller, eben erst wieder von Erfolg gekrönt in der Exzellenzinitiative.

Ja, schon, aber heute bin ich selbst fünfzig.

Wie kam es, dass gerade Dresden dann einen solchen Aufstieg hingelegt hat?

Das ist eine Kombination von verschiedenen Dingen. Wir hatten eine extrem geschickte Landesregierung, die diesen „Dresden-Spirit", wie das heute genannt wird, erzeugt hat. Und den gibt es wirklich. Es ist sehr ähnlich wie im Silicon Valley, wo es den „Silicon Valley-Spirit" gibt. Man trifft sich dort wie hier kaum einmal, ohne zugleich über die Region und die Wissenschaftskultur zu schwärmen. Man ist begeistert, hier zu leben und zu arbeiten. Zudem hat diese Stadt natürlich historisch einiges zu bieten, wovon vieles inzwischen auf Vordermann gebracht ist. Mit etlichen tausend Einwohnern pro Jahr wächst Dresden auch immer noch. Der wirtschaftliche Aufstieg zieht neue Bewohner an und diese wiederum nutzen dem weiteren Aufstieg, eine Spirale nach oben.

Was ist der Kern des Dresden-Spirits?

Ein wichtiger Teil des Dresden-Spirits ist es, gemeinsam zu arbeiten statt einzelne Königreiche zu verteidigen. Ich habe bei all meinen Projekten versucht, verschiedene Kollegen mit hineinzuholen. Und das läuft in Dresden wirklich spitzenmäßig heute. Es hat freilich auch harte Kämpfe gegeben, etwa mit der Fraunhofer-Gesellschaft. Da ging es darum, dass die Universität anders entschieden hat, als es sich Fraunhofer das vorgestellt hatte. Diese Auseinandersetzungen haben dazu geführt, dass man heute sehr gut auf Augenhöhe miteinander arbeitet.

Sie sind sehr aktiv bei Ausgründungen, bringen eine Firma nach der anderen auf den Markt. Was reizt Sie daran?

Ich habe im Silicon Valley gelebt, da haben Sie einfach einen Gründer-Virus. Im Bereich Mobilfunk gab es hier anfangs nur wenige Firmen, mit denen ich zusammenarbeiten konnte. Deshalb habe ich mir die eben selbst aufgebaut. Solche Ausgründungen vornehmen zu können, war eine meiner Forderungen, als ich hier ankam, und zwar gegenüber der Uni und gegenüber dem Stifter meiner Professur. Und da gab es keine Einwände, im Gegenteil, das wurde sehr begrüßt. Es geht nicht zuletzt darum, die lokale Wirtschaft anzukurbeln. Wenn wir hier Promovenden und Diplomanden ausbilden, müssen die ja nicht fünfzig Kilometer weiter einen Job annehmen.

Sie animieren auch Kollegen und Studenten zu eigenen Gründungen und haben den HighTech Startbahn Inkubator initiiert, der Hilfestellung für Startups gibt. Wie erfolgreich ist er und wann haben Sie bemerkt, dass so etwas gebraucht wird?

Wir ziehen gerade auch einen eigenen Venture Fonds hoch. Konkret geplant haben wir diese Einrichtung vor etwa zwei Jahren, aber der Gedanke war schon lange da. Man braucht aber erst einmal genug Startup-Erfahrungen und Gründer, die es noch einmal versuchen wollen. Und trotz erster Erfolge dauert es wohl noch etwas, bis man sagen kann, dass der Inkubator reihenweise Startups hergebracht hat.

Die TU Dresden hat nicht zuletzt dank Ihres Einsatzes in der Exzellenzinitiative erfolgreich abgeschnitten. Was ändert sich als Elite-Universität?

Alles wird optimiert. Und es gibt nun Dinge, die wir ohne diese Initiative nicht machen könnten. Sie dürfen nicht vergessen: Obwohl wir hier eine sehr starke Mikroelektronik-Industrie haben, hatten wir bislang kein konzertiertes, auf die Elektronik insgesamt bezogenes Spitzenforschungs-Programm der Landesregierung. Das ist eine politische Fehlleistung des Freistaats, die nun korrigiert werden kann.

Werden also vor allem die ohnehin starken universitären Bereiche gestärkt?

Das muss man über Eck beantworten. In der Elektrotechnik, die zu den wichtigsten Fakultäten hier gehört, gerade auch im Hinblick auf die Industrie, sind wir über die letzten Jahre um über ein Drittel zusammengestrichen worden. Von 36 Professuren existieren noch 24. Diesen Trend können wir mit der Exzellenzinitiative umkehren. Mit dem Cluster haben wir einen massiven Aufpunkt gesetzt. Allein neun neue Professuren und bis zu zwölf Forschungsgruppenleiter wird es geben. Es können also bis zu zwanzig neue kluge Köpfe nach Dresden geholt werden, die Teams aufbauen. Das ist eine große Chance für alle involvierten Fakultäten.

Sie sprechen vom neuen Exzellenzcluster zur Elektronik der Zukunft, dessen Koordination Ihnen obliegt. Können Sie dabei von den Erfahrungen profitieren, die Sie mit dem Spitzencluster Cool Silicon gemacht haben?

Mit dem Spitzencluster Cool Silicon habe ich es vor einigen Jahren geschafft, die Industrie erfolgreich zusammenzuschließen. Das war sozusagen mein Probelauf, um zu sehen, wie gut ich riesige Teams zusammenbauen und dafür begeistern kann, auf einer Linie zu arbeiten. Bei Cool Silicon, dessen Koordination schließlich mein Kollege Thomas Mikolajick übernommen hat, damit ich mich voll auf die Exzellenzinitiative konzentrieren konnte, handelt es sich allerdings um einen anwendungsnahen Zusammenschluss. Bei dem neuen Exzellenzcluster geht es um Spitzenforschung. Wir haben viel vor, wollen neue Themen und außerordentlich neue Ideen aufgreifen. Wenn das Thema künftige Elektronik auftaucht, dann soll jeder auf der Welt sagen, da gibt es doch in Dresden diesen Cluster. Bei diesem Thema wollen wir zu den Top-Five-Standorten auf der Welt gehören.

Im Namen „Center for Advancing Electronics Dresden" ist das Visionäre ja schon in den Titel eingebaut. Werden Sie die Nachrichtentechnik revolutionieren?

Mit dem Cluster wollen wir tatsächlich die Elektronik revolutionieren. In zehn, zwanzig Jahren wird die jetzige Technologie komplementärer Metall-Oxid-Halbleiter (CMOS) strukturell in ihre Sättigungsphase eintreten, weil man durch das Verkleinern der Strukturen atomistische Grenzen erreicht. Wir möchten dann Ansätze vorweisen können, mit denen man weiterkommt. Jetzt gerade ist das Window of Opportunity geöffnet. Die Industrie muss freilich noch weiter auf CMOS setzen. Das ist verständlich und auch völlig richtig, denn in der Industrie geht es nicht um die ferne Zukunft. Wir als Hochschule haben aber die Aufgabe, zehn, zwanzig Jahre vorauszudenken. Und das ist total spannend.

Welche Ansätze sind das beispielsweise?

Es gibt mehrere „Pfade", die wir verfolgen. Ich nenne nur zwei Beispiele: Wir gehen heute von einer Elektronik aus, in der sich die Elektronen zweidimensional oder dreidimensional im Material bewegen. Sowohl in Kohlenstoff-Nanoröhrchen als auch in Silizium-Nanodrähten aber fließen die Elektronen nur in eine Richtung, vor oder zurück. Da verhält sich die Elektronik völlig anders. Wir wollen in dieser eindimensionalen Elektronik Lösungen erarbeiten, die über das hinausgeht, was wir heute kennen. Wir erforschen, wie man diese Elektronik reprogrammieren kann, wie sich Biomoleküle anbauen lassen, wie man Sensoren daraus machen kann und so fort.
Ein anderes visionäres Beispiel: Wir sehen uns in der Natur an, wie dort die ‚Elektronik', also die biologische Informationsverarbeitung funktioniert. Es kommen etwa Moleküle an Zellenaußenwänden an und die Zelle reagiert auf dieses große Informationsgemisch. Das ist hochkomplex. Diese Informationsverarbeitung ist hochgradig energieeffizient und nicht-linear. Wir arbeiten in der Elektronik derzeit immer mit linearen Systemen. Im Nicht-Linearen haben wir Probleme, stabile Systeme zu bauen. Die Natur baut jedoch extrem stabile Systeme im Nicht-Linearen. Können wir uns da eine komplett neue Art des Systembaus abschauen? Das also erforschen wir dort nun mit Systembiologen der TUD und des MPI.

Der SFB "HAEC - Highly Adaptive Energy-Efficient Computing", dessen Koordinator Sie ebenfalls sind, ist in den Cluster integriert. Geht der SFB darin auf oder bleibt er eigenständig?

Der bleibt eigenständig, aber ist voll integriert als einer der Pfade.

Halten Sie all diese Managementaufgaben nicht vom Forschen ab?

Zum Forschen im Labor komme ich tatsächlich kaum noch, aber zum Forschen im Zimmer, also in der Diskussion mit Doktoranden und Kollegen. Man braucht da einen recht strukturierten Plan. Außerdem liebe ich es, Verantwortung an Teammitglieder abzugeben. Das gibt meiner Mannschaft die Möglichkeit, sich selbst auszuprobieren. Meine Studenten lernen damit auch, Verantwortung und Managementaufgaben zu übernehmen. Sie diskutieren beispielsweise selbständig mit wichtigen Professoren. Das geht ab und zu schief, dann muss ich dafür einstehen und als Coach zur Verfügung stehen. Aber insgesamt wird man dadurch effektiver.

Vielen Dank für das Gespräch.
Experteninterview Prof. Fettweis | Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Dresden

Exzellenz als Prinzip

Dresdens Erfolg beruht auf den Schlüsseltechnologien Mikroelektronik, Informations- und Kommunikationstechnologie und Software, Neue Werkstoffe und Nanotechnologie sowie Life Sciences und Biotechnologie. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Unternehmen und Forschungseinrichtungen bringt Dresden voran.