Interviews mit Dresdner Wissenschaftlern über das Forschen in Dresden, geführt von Oliver Jungen

„Wir sind gemeinsam in die Höhe gewachsen"
 

Prof. Dr. Hans Müller-Steinhagen

Herr Professor Müller-Steinhagen, wie verschlungen war Ihr Weg nach Dresden?

Mein Weg nach Dresden hat mich einmal um die ganze Welt geführt. Ich habe in Karlsruhe studiert und promoviert, war danach an verschiedenen Universitäten tätig: zwei Jahre in Vancouver (Kanada), acht Jahre in Auckland (Neuseeland), sieben Jahre in der Nähe von London, dann zehn Jahre Direktor des Instituts für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und zugleich Institutsdirektor an der Universität Stuttgart. Dann kam Dresden, kein direkter Weg also, aber ein sehr konsequenter von der Wissenschaft über das Wissenschaftsmanagement bis zu dieser Führungsposition in Dresden. Und ich kann mir nichts vorstellen, das besser sein könnte, als Rektor der TU Dresden zu sein!

Die TU Dresden hat in der Exzellenzinitiative nun eine gute Figur gemacht. Es gibt nun nicht nur einen zweiten Exzellenzcluster, sondern vor allem den Hauptstempel „Exzellenzuniversität". Über 135 Millionen fließen deshalb in den nächsten fünf Jahren zusätzlich in die Universität. Gleicht das partiell die von Ihnen vor einem Dreivierteljahr angesprochene Unterfinanzierung durch das Land Sachsen aus?

Nein, die Mittel aus der Exzellenzinitiative sind ja klar definiert. Sie dienen in erster Linie der Förderung der Forschung, insbesondere im Fall der beiden Clustern und der Graduiertenschule. Sie können die Universität operativ und strukturell auf ein höheres Niveau bringen. Aber diese Mittel dienen beispielsweise nicht der Unterstützung der Lehre. Sie können auch nicht für Infrastrukturmaßnahmen wie Gebäudesanierung eingesetzt werden. Wir sitzen also keineswegs auf einem Sack voll Gold, von dem sich nun jeder einen Schlag abholen kann, auch wenn sich das mancher so vorstellen mag. Das ist alles schon verplant bis auf die Viertelstelle herunter, so bewilligt von Senat und Hochschulrat. Letztlich haben wir einen Antrag für bestimmte Projekte gestellt wie sonst auch, und die müssen wir jetzt umsetzen.

Die Kuh ist also noch nicht vom Eis?

Meine Aussage im vergangenen Jahr war, dass alle Universitäten in Deutschland im Vergleich zu unseren Wettbewerbern im Ausland schlecht finanziert sind. Bei uns erhält eine Universität im Schnitt 8000 Euro pro Student und Jahr an öffentlichen Geldern. An der ETH Zürich ist es viermal so viel, in England auch. Selbst in China, so habe ich gerade erfahren, bekommen die guten Universitäten pro Student doppelt so viele Landesmittel wie wir. Und in Sachsen ist die Finanzierung noch einmal deutlich schlechter als im Bundesdurchschnitt.

Aber der neue Status öffnet doch auch Türen?

Der Exzellenz-Status hilft uns natürlich weiter, das ist gar keine Frage. Der sächsische Ministerpräsident hat uns zum Beispiel gleich nach dem Erfolg in der Exzellenzinitiative ein beschleunigtes Bau- und Sanierungsprogramm im Wert von immerhin 250 Millionen Euro in den nächsten sechs Jahren zugesagt. Das ist doppelt so viel wie wir sonst gehabt hätten. So nutzt der Exzellenzstatus also doch allen Angehörigen der TU Dresden. Darüber hinaus sollen Strukturen und Prozesse geschaffen werden, die eine nachhaltige Verbesserung des universitären Betriebs ermöglichen. Das Interesse ausländischer Forscher und Studenten an der TU Dresden ist bereits deutlich gewachsen. Und bei der Drittmitteleinwerbung können wir als Exzellenz-Uni wohl noch erfolgreicher sein als ohnehin schon.

Wohin soll sich die TU denn in den nächsten fünf Jahren entwickeln?

Ich sehe die TU Dresden, die aus historischen Gründen „Technische Universität" heißt, auch in Zukunft ganz klar als Volluniversität. Wir sind sogar eine der wenigen echten Volluniversitäten in Deutschland, da wir über leistungsstarke Fakultäten in den Naturwissenschaften, den Ingenieurwissenschaften, der Medizin und den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften verfügen. Die spannenden Schnittstellen der Zukunft liegen wohl zwischen den Technik- und Lebenswissenschaften einerseits und den Sozial- und Kulturwissenschaften andererseits. Ich sehe als Vision vor mir, dass wir es in fünf bis zehn Jahren geschafft haben, in jedem der vier erwähnten Fachbereiche zumindest je einen wissenschaftlichen Leuchtturm zu besitzen, so wie sie jetzt schon in der Biomedizin und zukünftig in der Halbleitertechnik gibt.

Also geht der Ausbau der starken Fächer nicht zu Lasten der übrigen?

Wir werden die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit gerade auch in den Bereichen, die bisher nicht Weltspitzenniveau erreicht haben, weiter stärken, wie in den Sozial- und Kulturwissenschaften, in denen ein Drittel unserer Studierenden eingeschrieben ist. Es ist also keineswegs so, dass wir in den Bereichen, die diesmal nicht erfolgreich waren, nun abbauen werden, im Gegenteil, hier wird strategisch verstärkt.

„Die Synergetische Universität" haben Sie Ihr Zukunftskonzept genannt. Was heißt denn das in zwei Sätzen?

Eine synergetische Universität setzt auf Synergien zwischen den einzelnen Fachrichtungen, aber auch auf Synergien mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Das ist inhaltlich einfach sinnvoll, denn auch die wissenschaftlichen Fragen halten sich nicht an Disziplingrenzen: Ein Beispiel von vielen: wenn Sie Stammzellenforschung betreiben, haben Sie auch viele ethische Fragen zu lösen.

Auf Synergien haben es viele Universitäten abgesehen, aber meist bleibt das eine schöne Worthülse. In Dresden scheinen Interdisziplinarität und Vernetzung aber tatsächlich gelebt zu werden. Wie kam es dazu?

Es gibt in Dresden eine enorme Dichte an außeruniversitärer Forschung. Wir sind der größte Fraunhofer-Standort, wir haben drei Max-Planck-Institute, drei Leibniz-Institute, das Helmholtzzentrum Dresden-Rossendorf, dazu eine ganze Reihe forschungsaktiver kultureller Institutionen wie die Staatlichen Kunstsammlungen, das Deutsche Hygienemuseum, das Militärhistorische Museum und die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Mit diesen haben wir einen ganz engen Verbund etabliert, einen eingetragenen Verein mit einer klaren „Governance", in dem wir zahlreiche Personalmaßnahmen und Großgeräteinvestitionen gemeinsam entscheiden. Die Zusammenarbeit all dieser Einrichtungen funktioniert sensationell, weil alle vor zwanzig Jahren auf Null zurückgesetzt und neu gestartet wurden - genau wie die TUD auch. Man ist von diesem Zeitpunkt an gemeinsam gewachsen, in die Höhe, aber auch institutionell zusammengewachsen. Ähnliches gilt auch für die hier ansässige Industrie, vor allem kleine und mittelständische Unternehmen. Allerdings ist es leider so, dass nur wenige große Firmen in den neuen Bundesländern ihre eigene Forschung betreiben.

Man hört viel vom „Dresden-Spirit" neuerdings. Was ist das genau?

Das kam bei der Begutachtung in der Exzellenzinitiative zur Sprache. Die Gutachter waren der Meinung, dass hier ein besonderer Geist herrsche, eben der „Dresden-Spirit". Damit ist die Bereitschaft gemeint, im Team über institutionelle Grenzen hinweg neue Themen und neue Strukturen anzugehen, also ein gewisser Pioniergeist. Einer der Gutachter hat sogar geäußert, dass er sich nicht habe vorstellen können, dass so etwas in diesem Ausmaß an einer deutschen Universität überhaupt möglich ist. Es ist zunächst eine Frage gegenseitiger Wertschätzung. Zugleich weiß man auch: Wenn wir die Dinge gemeinsam angehen, dann haben wir alle Chancen der Welt. Im Wettbewerb gegeneinander würden wir verlieren, weil es hier immer noch historisch bedingte Standortnachteile gibt.

Dass man nur durch Zusammenarbeit den großen Visionen näher kommt, zeigt auch das visionäre europäische Desertec-Projekt, das die Gewinnung von Sonnen- und Windenergie für ganz Europa in der Wüste Nordafrikas zum Ziel hat. Sie waren in der Planungsphase eine der Schlüsselfiguren dieses Projekts. Was ist Ihre Rolle bei der Umsetzung?

Dem Desertec-Projekt bin ich seit Jahren sehr verbunden. Vor meiner Zeit als Rektor in Dresden habe ich beim DLR und an der Universität Stuttgart etwa 250 Mitarbeiter gehabt, die sich mit dem Thema nachhaltige Energieversorgung beschäftigt haben. Alle Konzepte zu Desertec sind aus meinem früheren DLR-Institut hervorgegangen. Auch heute bin ich noch der Chairman des internationalen Beirats der Desertec-Industrie-Initiative (dii).

Wie ist denn der Stand des Projekts? Hat der arabische Frühling nicht alles aus dem Takt gebracht?

Ja, der arabische Frühling und noch stärker die Weltfinanzkrise und die Eurokrise haben das Projekt schon ein wenig ausgebremst. Vor allem Spanien hat in seiner derzeit problematischen wirtschaftlichen Situation nun weiteren Verhandlungsbedarf angemeldet. Dass Spanien dieser Tage Probleme mit Subventionen über Stromeinspeisegesetze hat, kann man gut verstehen. Aber das Thema Energiewende bleibt natürlich weiterhin höchst akut.

Politisch sind alle Steine aus dem Weg geräumt?

Es ging in der ersten Phase darum, die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Da ist man gut vorangekommen. Momentan stockt es beim Aufbringen der Mittel für den Bau der ersten Referenzkraftwerke in Marokko. Diese werden aber auf jeden Fall dort gebaut werden, einfach weil es schon eine bestehende Stromleitung nach Spanien gibt.

Die große Vision bleibt also?

Natürlich. Ich bin immer noch optimistisch, dass wir das Projekt umsetzen werden. Es sind ja viele Staaten, die EU sowie große Firmen beteiligt. Man wird nur vielleicht nicht, wie ursprünglich geplant, in diesem Jahr noch den ersten Spatenstich in Marokko tun.

Ist die TU Dresden auch in Desertec involviert?

Wir sind inzwischen Mitglied des Desertec University Networks, nehmen also an Austauschprogrammen und gemeinsamen Aktivitäten teil. Dieses Netzwerk ist ein Zusammenschluss von knapp zwanzig Universitäten, viele davon aus dem nordafrikanischen Raum. Das große Ziel ist die Ausbildung von Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern, die Desertec später einmal am Laufen halten. Desertec ist ja mehr als ein reines Kraftwerkprojekt. Die gesamte Region soll davon profitieren, weshalb zum Beispiel auch die Meerwasserentsalzung ein Thema ist. Wir haben an der TU Dresden weiterhin einige Forschungsprojekte etwa zum Thema solarthermische Kraftwerke. Gemeinsam mit dem DLR soll bei uns bald eine Professur für solare Wasserstofferzeugung eingerichtet werden. Die Energieversorgung der Zukunft ist übrigens schon lange ein Forschungsschwerpunkt Dresdens. Ich verweise zum Beispiel auf die Arbeiten von Prof. Karl Leo am Institut für Angewandte Photophysik (IAPP) der TUD: Die von ihm entwickelten neuen Solarzellen, die kostengünstig Strom produzieren, werden noch eine große Rolle spielen. Außerdem ist es essentiell, in Zukunft die Ressourcen effizienter zu nutzen, etwa durch einen besseren Effizienzgrad bei der Beleuchtung. Und auch hier ist Karl Leo mit den organischen Leuchtdioden (OLEDs), einer ganz neuen Dimension von Lichtquellen, vorne mit dabei.

Sie haben die nötigen Desertec-Gesamtinvestitionen bis 2050 einmal auf 400 Milliarden Euro geschätzt. Bleibt es dabei?

Das haben wir vor fünf Jahren einmal grob abgeschätzt, es sind wohl doch eher 500 Milliarden. Aber die Zahl relativiert sich, wenn man bedenkt, dass wir in ganz Europa etwa 40% unserer derzeitigen Kraftwerke in den nächsten Jahren aus Altersgründen sowieso ersetzen müssen. Das Hauptproblem ist auch nicht die gesamte Summe, sondern die Anschubfinanzierung, die benötigt wird, um die technologischen Grundlagen dieser Energieerzeugungsform zu etablieren und um mit den konventionellen Energieerzeugungsformen wirtschaftlich konkurrenzfähig zu werden.

Wann soll diese Konkurrenzfähigkeit denn erreicht sein?

Es wurde damals abgeschätzt, dass es im Jahr 2020 so weit sei. Da habe ich meine Bedenken. Es wird wohl eher 2025 werden. Aber auch, wenn wir unseren Zeitplan nicht ganz einhalten, denke ich, dass man in Deutschland nur unter Hinzuziehung eines solchen Nord-Süd-Verbunds in der Lage sein wird, weitestgehend auf nachhaltige Energieerzeugung umzustellen. Hier werden solarthermische Kraftwerke in den sonnenreichen Regionen benötigt, die mit der gespeicherten Wärme auch nach Sonnenuntergang noch unter Volllast betrieben werden können. Das ist eine sinnvolle Ergänzung zu effizienten, wenn auch fluktuierend betriebenen Photovoltaik- und Windkraftanlagen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Experteninterview Prof. Müller-Steinhagen | Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Dresden

Exzellenz als Prinzip

Dresdens Erfolg beruht auf den Schlüsseltechnologien Mikroelektronik, Informations- und Kommunikationstechnologie, Neue Werkstoffe, Photovoltaik und Nanotechnologie, Life Sciences und Biotechnologie. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Unternehmen und Forschungseinrichtungen bringt Dresden voran.