Nobel-Wirbel an der TU Dresden

16. April 2019
Nobelpreisträger erklären Proteinfabriken, Denkmaschinen, Wirbel in Oberflächen und Geisterteilchen in Wassertanks

Wie kleinste Teilchen das Leben und Denken, Prozesse in Materialien und im Universum bestimmen, erforschten die Nobelpreisträger, die im Sommersemester 2019 an der TU Dresden ihr Lebenswerk teilen. Die öffentliche Vortragsreihe „Nobelpreisträger zu Gast an der TU Dresden“ hat sich in nunmehr vier Jahren als sommerliches Highlight der Dresdner Wissenschaftslandschaft etabliert. Auch 2019 erwartet der TU-Bereich Mathematik und Naturwissenschaften, der die Veranstaltungsreihe organisiert, bis zu tausend Gäste pro Vortrag. Ihre preisgekrönte Forschung stellen die Stockholmer Laureaten allen Interessierten am 24. und 26. April, 15. Mai sowie am 3. Juli vor.
 
Das Ribosom untersuchte Ada Yonath, Chemie-Nobelpreisträgerin 2009, die am 24. April um 19 Uhr ihre „Nobel-Wissenschaft“ mit den Hörern der TU im Hörsaalzentrum teilt. Unter dem Titel: „Ribosomes: A Connection Between The Far Past & Near Future“, berichtet sie von der Entschlüsselung, wie Ribosomen die Erbinformationen auf der RNA auslesen und entsprechende Proteine bauen. Geboren 1939 in ärmlichen Verhältnissen in Jerusalem, hegte Ada Yonath immer Neugier auf die Prinzipien der Natur. Nach dem Tod ihres Vaters – Yonath war gerade elf – unterstützte sie ihre Familie mit verschiedensten Nebenjobs. Sie studierte Chemie, Biochemie und Biophysik und gründete schließlich das erste israelische Labor für biologische Kristallographie – der Kern ihrer Nobel-gekrönten Forschung. Mit hunderttausenden Atomen galten Ribosomen lange als zu groß und komplex, um sie durch eine Kristallstrukturanalyse zu untersuchen – bis Ada Yonath passende Methoden dafür entwickelte. Sie erhielt den Nobelpreis zusammen mit Venkatraman Ramakrishnan und Thomas A. Steitz.
 
Am 26. April um 18 Uhr wird Medizin-Nobelpreisträger Thomas Südhof (Stanford University) die Synapsen im HSZ der TU Dresden zum Glühen bringen mit seinem Vortrag: „How Synapses Are Made“. Die Informations-Umschlagpunkte des Nervensystems sind der Fokus seiner bahnbrechenden Forschung. Südhofs Jugend war geprägt durch die familiäre Nähe zur Anthroposophie und Waldorfpädagogik. Das Medizinstudium wählte er, da ihm für Musik, Philosophie oder Geschichte das Selbstvertrauen gefehlt habe. Nach dem Studium ging Südhof den Synapsen auf den Grund, an denen Nervenzellen Informationen übertragen. Südhof suchte nach dem Mechanismus, wie und warum die mit Botenstoffen bepackten synaptischen Bläschen, die Vesikel, ihre Fracht zum richtigen Zeitpunkt freisetzen – und fand Calcium-Ionen als treibende Kraft. Seine Erkenntnisse brachten ihm 2013 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin gemeinsam mit James Rothman und Randy Schekman ein – und der Medizin eine profunde Basis zur Forschung an Krankheiten mit Fehlfunktionen in Nervenzellen, wie Schizophrenie, Depressionen oder Diabetes.
 
Wissenschaftlichen Wirbel wird Michael Kosterlitz (Brown University) am 15. Mai um 19 Uhr erzeugen unter dem Titel: „A Random Walk Through Physics to the Nobel Prize“. Als einer der Physik-Nobelpreisträger 2016 bereitete er der Topologie in ihrer Anwendung auf physikalische Probleme den Weg: Die mathematische Disziplin spielt eine wichtige Rolle in der Charakterisierung neuer exotischer Materialien. Kosterlitz schreibt sein Talent in Physik und Mathematik der Notwendigkeit zu, mit logischem Denken sein unverlässliches Gedächtnis zu kompensieren. In Cambridge studierte er Physik, Mathematik, Chemie und Biochemie. An der Universität von Birmingham lernte der leidenschaftliche Kletterer Mit-Nobelpreisträger David Thouless kennen – und die Ideen um zweidimensionale Kristalle, Wirbel und Topologie. Deren Anwendung in der Physik könnte zukünftig etwa die Realisierung robuster Quantencomputer ermöglichen. Seine Forschung brachte Kosterlitz den Physik-Nobelpreis ein, zusammen mit David Thouless und F. Duncan M. Haldane.
 
Takaaki Kajita erbrachte den Nachweis, dass Neutrinos Masse besitzen. Der japanische Teilchenphysiker nimmt die Dresdner Hörer am 3. Juli um 19 Uhr mit auf die Suche nach dem „Geisterteilchen“ in seinem Vortrag: „Oscillating Neutrinos“. Kajita, geboren im ländlichen Raum nahe Tokio, fokussierte sich früh auf die experimentelle Teilchenphysik. Als Student war er am Aufbau des japanischen Kernphysik-Pionier-Experiments „Kamiokande“ beteiligt– ebenso wie später am Bau des Nachfolgers Super-Kamiokande, an dem er seine preisgekrönte Forschung durchführte. Neutrinos galten lange Zeit als masselos. Ein 50.000-Tonnen-Wassertank fing im Super-Kamiokande 1.000 Meter unter der Erde verschiedene Arten der Teilchen auf. Kajitas Entdeckung: Die erwarteten Myon-Neutrinos mussten sich in Tau-Neutrinos umgewandelt haben – was voraussetzt, dass sie eine Masse besitzen. Das rüttelte am Standardmodell der Elementarteilchenphysik und brachte Kajita gemeinsam mit Arthur B. McDonald, selbst vor zwei Jahren zu Gast an der TU, 2015 den Physik-Nobelpreis ein.
 
Zu den vier öffentlichen Vorträgen im Hörsaalzentrum der TU Dresden sind alle an „Nobel-Wissenschaft“ Interessierten herzlich willkommen.

Mittwoch, 24.4.2019, 19 Uhr: Ada Yonath, Nobelpreis für Chemie 2009
Freitag, 26.4.2019, 18 Uhr: Thomas Südhof, Nobelpreis f. Physiologie/Medizin 2013
Mittwoch, 15.5.2019, 19 Uhr: Michael Kosterlitz, Nobelpreis für Physik 2016
Mittwoch, 3.7.2019, 19 Uhr: Takaaki Kajita, Nobelpreis für Physik 2015
 
Die Vortragsreihe ist eine Veranstaltung des Bereichs Mathematik und Naturwissenschaften und wird gefördert durch Novaled, das Hotel Taschenbergpalais Kempinski und die Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden e.V.


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