Volkswagens Angriff auf Tesla beginnt in Zwickau

19. November 2018
VW erlaubt einen Blick hinter die Kulissen: In Zwickau beginnt in einem Jahr die Serienfertigung neuer E-Autos. Es soll eine Zeitenwende sein.

Zwickau. Hinter den mit blauer Plastikfolie abgeklebten Drahtzäunen stehen schon die ersten Schweißroboter der Firma Kuka. „Willkommen auf der Baustelle“, begrüßt Reinhard de Vries seine Gäste.

Der technische Geschäftsführer des Volkswagen-Werkes im sächsischen Zwickau hat eine nicht ganz einfache Aufgabe vor sich: Die Fabrik, in der bislang klassische Golf- und Passat-Modelle produziert werden, muss binnen eines Jahres zum ersten reinen VW-Fertigungsstandort ausschließlich für batteriebetriebene Elektroautos umgebaut werden.

„Das alles bei laufendem Betrieb“, erläutert de Vries. Die Passat-Fertigung ist zwar schon im Sommer eingestellt worden, aber mit dem Golf geht es in Zwickau erst einmal noch zwei Jahre weiter. Trotzdem warten die neuen orangefarbenen Kuka-Roboter hinter der blauen Plastikfolie in Halle 2 des Karosseriebaues schon auf ihren Einsatz.

Der soll Anfang nächsten Jahres kommen – wenn Volkswagen ernst macht mit dem Umbau der Fabrik. Dann wird die halbe Fabrik stillgelegt, und nur noch auf einer Fertigungslinie läuft der Golf.

Damit bekommen die Bauarbeiter und die Techniker um Reinhard de Vries ausreichend Platz, um die neuen Schweißroboter auf 80.000 Quadratmetern an ihre künftige Position zu rücken. „Dann geht es richtig los in Stahl und Beton“, sagt VW-Markenvorstand Thomas Ulbrich über den Umbau.

Die Fabrik in Sachsen mit ihren knapp 8000 Beschäftigten wird für Volkswagen zum Symbol einer neuen Zeit. Der Wolfsburger Autohersteller will in Sachsen mit der Massenfertigung von Elektrofahrzeugen beginnen, nach 2021 werden es allein aus Zwickau jedes Jahr voraussichtlich 330.000 sein. Volkswagen nimmt die Herausforderung von Tesla an: In der sächsischen Industriestadt entsteht die größte E-Auto-Fabrik in Europa.

Zwickau wird so etwas wie die Blaupause für den gesamten Konzern. In diesem Werk wird Volkswagen seine ersten Erfahrungen mit der großangelegten E-Auto-Produktion machen. Was gut und was schlecht läuft, können die VW-Beschäftigten aus Sachsen dann an die Kollegen an andere Werke geben, die ebenfalls auf Elektroautos umgestellt werden.

Der Volkswagen-Aufsichtsrat wird voraussichtlich an diesem Freitag den Umbau der Werke in Emden und in Hannover freigeben. Im Jahr 2025 wird der VW-Konzern nach den aktuellen Plänen nur in der Bundesrepublik jährlich etwa eine Million Elektrofahrzeuge fertigen – etwa 20 Prozent der heutigen deutschen Pkw-Fertigung aller Hersteller.

Thomas Ulbrich ist im VW-Markenvorstand für den Neuaufbau der E-Produktion verantwortlich. Er gibt sich zuversichtlich, dass die in Zwickau und später auch in Emden und Hannover gefertigten Elektroautos ausreichend Käufer finden werden. „Auf Seite der Kunden gibt es einen klaren Anstieg der Begehrlichkeit, was E-Fahrzeuge betrifft“, sagt er. Nach Käfer und Golf würden die neuen Elektroautos die dritte grundlegende Neuausrichtung im VW-Konzern einläuten.

Stärkere Verzahnung der Tochtermarken

1,2 Milliarden Euro kostet allein der Umbau des Werkes in Zwickau. Gerade wegen der Dieselaffäre und der daraus resultierenden finanziellen Belastungen von mehr als 27 Milliarden Euro muss der erste Schuss in der neuen Elektrofabrik sitzen. Thomas Ulbrich will die Produktivität mit der ersten Generation der neuen E-Familie von Volkswagen deutlich nach oben treiben. 20 Prozent plus lautet die Zielmarke des VW-Managers, die Tagesproduktion soll von 1350 auf 1500 Autos steigen.

Mit den neuen E-Autos auf Basis der Elektroplattform MEB will der Konzern für eine stärkere Verzahnung der verschiedenen Tochtermarken sorgen. Auch dabei wird Zwickau zum Vorbild: Dort werden drei VW-Modelle, zwei von Audi und ein Auto der spanischen Konzerntochter Seat schon bald von den Bändern laufen.

Die Fertigung beginnt Ende nächsten Jahres. 2020, im ersten vollen Jahr, sollen 100.000 Exemplare fertig produziert auf dem Hof stehen. Das erste Serienauto wird der ID Neo, ein E-Auto im Golf-Format.

Die Elektro-Produktion in Zwickau soll noch in anderer Hinsicht zum Leitbild für den Konzern werden. Markenvorstand Thomas Ulbrich verspricht bessere und effizientere Produktionsmethoden, die sich auf alle Werke rund um den Globus übertragen lassen.

In der vergleichsweise arbeitsintensiven Fahrzeugmontage will VW mehr vorgefertigte Module verwenden – und die Abläufe in der Linie damit vereinfachen. Gedacht wird beispielsweise an vorgefertigte Heckklappen und Fahrzeug-Cockpits. Roboter könnten den Teppich im Innenraum selbstständig verlegen. In der Konsequenz wird dadurch dort weniger menschliche Arbeitskraft gebraucht.

Die VW-Verantwortlichen glauben trotzdem nicht, dass mehr Effizienz und steigende Produktivität für einen Rückgang bei der Beschäftigtenzahl sorgen werden. „Die höheren Stückzahlen gleichen das aus“, erläutert Dirk Coers, Geschäftsführer für Personal in Zwickau.

Auch nach dem vollen Anlauf der Elektrofertigung Anfang 2021 werde sich die Zahl der Mitarbeiter nicht wesentlich verändern und bei knapp 8000 bleiben. Ende 2020 wird voraussichtlich der letzte Golf mit Verbrennungsmotor die Fabrikhallen in Zwickau verlassen.

Volkswagen will außerdem in den USA eine Elektrofertigung aufbauen. Favorit dafür ist das eigene Werk in Chattanooga im Süden der Vereinigten Staaten, wo VW schon heute Autos mit Verbrennungsmotor herstellt. „Die Entscheidung über den Standort fällt in sechs bis acht Wochen“, sagt Thomas Ulbrich.

Klimaneutrale Fertigung

Der Umbau in Zwickau hat auch Konsequenzen für die „Gläserne Manufaktur“ in Dresden, wo heute etwa 15.000 Elektro-Golf klassischer Bauart hergestellt werden. Die Manufaktur war der frühere Produktionsort für die eingestellte VW-Luxuslimousine Phaeton.

Die E-Golf-Fertigung in Dresden wird voraussichtlich Mitte 2020 auslaufen. Dann soll die kleine Autofabrik wie in Zwickau auch die neuen E-Autos auf Basis der MEB-Plattform fertigen. Mit ebenfalls gesteigerter Produktivität könnten es künftig bis zu 20.000 Autos pro Jahr werden.

Volkswagen will bei seinen Kunden mit einem ganz besonderen Ansatz punkten. Die neuen E-Autos aus Sachsen sollen klimaneutral gefertigt werden, also ohne die Produktion von Kohlendioxid.

„Unseren Strom beispielsweise bekommen wir aus Wasserkraftwerken in Österreich“, kündigt VW-Vorstand Ulbrich an. Im gesamten Herstellungsprozess in Zwickau falle zudem durchgängig weniger Kohlendioxid an. Auch die Zulieferer und die Produzenten der Batteriezellen sollten entsprechend zertifiziert werden.

Im ersten Schritt werde es in der neuen Fabrik nicht vollständig klimaneutral gehen. Dafür soll es einen Ausgleich geben: Volkswagen werde Zertifikate etwa für die Aufforstung von Regenwäldern erwerben. In der Gesamtrechnung seien die Autos dann doch klimaneutral.

Wie es ergänzend aus Wolfsburger Konzernkreisen hieß, sollen Käufern der Autos künftig ebenfalls solche Zertifikate angeboten werden. Damit könnten sie den nachfolgenden Betrieb ihrer Fahrzeuge ebenfalls klimaneutral gestalten. Gedacht ist an Beträge von wenigen Hundert Euro.

Unter Experten gibt es keine Zweifel daran, dass Volkswagen es mit seiner Elektrooffensive wirklich ernst meint. „Der VW-Konzern bekennt sich immer stärker zur Elektromobilität“, sagt Arndt Ellinghorst vom Investmenthaus Evercore ISI. Bei anderen Herstellern sei dieses Bekenntnis bislang nicht zu erkennen. Volkswagen glaubt offenbar an den Erfolg der Elektroautos – die Konkurrenz ist noch nicht ganz so überzeugt.


zurück zur Übersicht

Exzellenz als Prinzip

Dresdens Erfolg beruht auf den Schlüsseltechnologien Mikroelektronik, Informations- und Kommunikationstechnologie und Software, Neue Werkstoffe und Nanotechnologie sowie Life Sciences und Biotechnologie. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Unternehmen und Forschungseinrichtungen bringt Dresden voran.